Verfasst von: huangdi | 29. Oktober 2008

Betelnüsse

Zu Zigaretten und Alkohol gesellt sich in Taiwan ein weiteres Genussmittel, die Betelnuss (檳榔, Binglang). Mit allerlei zusätzlichen Gewürzen verfeinert, genießt die Betelnuss vor allem bei der Landbevölkerung und bei Taxi- und LKW-Fahrern auch heute noch eine gewisse Beliebtheit. Bei Besserverdienenden ist der Genuss allerdings verpönt, nicht zuletzt aufgrund der Langzeitschäden bei dauerhaftem Verzehr und der deutlich schneller auftretenden rötlichen Verfärbung der Zähne und des Mundraums. Insgesamt bieten dauerhafte Konsumenten von Betelnüssen einen erschreckenden Anblick, so dass man nur hoffen kann, dass die jüngere Generation davon Abstand hält.

Interessant ist auch die Verkaufsform. Neben einigen unscheinbaren Ständen, die Betelnüsse neben Alkohol und Zigaretten verkaufen, stechen vor allen Dingen am Abend die grellen, neonbeleuchteten Buden ins Auge, in denen aufreizend knapp bekleidete junge Damen die Ware an den Mann bringen (Frauen werden sowohl von Produkt als auch Verkäuferin wohl kaum angesprochen). Diese Stände sollen vor allen Dingen Fernfahrer ansprechen, denen neben dem Erwerb der Betelnüsse beim Herüberbeugen der Mädchen zum Auto hin mit häufig sehr tiefen Ausschnitten ein Mehrwert geboten werden soll. Zwar ist diese Verkaufsform in Taiwan nicht unumstritten, aber sie bietet nach Auskunft meiner taiwanesischen Freunden den weiblichen Angestellten, die häufig vom Land stammen, zumindest einen ordentlichen Lohn. Trotzdem ist dieser Job natürlich keiner mit langfristiger (positiver) Perspektive.

Persönlich habe ich mich natürlich bisher von Betelnüssen ferngehalten, auch wenn ich gerne taiwanesische Bekannte mit der Ankündigung schockiere, demnächst mit dem regelmäßigen Verzehr zu beginnen. Bei Taxifahrten hat man manchmal das Pech, dem Betelnussessen beizuwohnen, was häufig mit lauten Schmatzgeräuschen und unansehnlichen Spuckprozeduren verbunden ist. Ich frage mich auch immer, ob der Verzehr nicht auch negative Auswirkungen auf die Fahrsicherheit hat. Aber so häufig gerät man dann auch nicht an solche Fahrer.

Betelnüsse selbst sollen nicht suchterzeugend sein, allerdings wird der regelmäßige Verzehr von aufbereiteten Betelnüssen von Gesundheitsorganisationen bekämpft. Vor allem in Verbindung mit Tabak sind die Gesundheitsschäden immens – die Gefahr Speiseröhrenkrebs zu bekommen steigt beispielsweise um den Faktor 10. Insofern ist es zumindest beruhigend, dass in Taipei und Umgebung dieses traditionelle Genussmittel langsam ausstirbt und in meinem Bekanntenkreis die Vorstellung mit dem Verzehr anzufangen als völlig absurd angesehen wird.

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Responses

  1. Ich habe betelkauende Menschen in Sri Lanka erlebt. Vor allem das Herumgespucke fand ich *augenroll*.

    In der Berliner Zeitung gab es Ende August einen Beitrag über die Betel-Mädchen:

    GLOBAL VILLAGE
    Betelnüsse und Schönheiten
    Susanne Lenz
    HUALIEN. Unser Schneewittchen saß in einem Glaskasten an einer Ausfallstraße in Hualien, einer Stadt nahe der Taroko-Schlucht in Zentraltaiwan. Es begann zu dämmern, und so waren die Neonröhren, die den Kasten umrahmten, schon eingeschaltet. Trotz des kühlen Wetters trug sie nichts weiter als ein rosa Kleidchen, das wegen der Bauchfreiheit, die es gewährte, eher wie ein Badeanzug aussah. Die hochhackigen Schuhe lagen in einer Ecke des Kastens auf dem zerschlissenen Bodenbelag. Barfuß balancierte die Frau auf einem Barhocker, der außer einem Kühlschrank das einzige Ausstattungsstück in dem Kasten war.

    Betelnut-Beauties – Betelnuss-Schöne – heißen die aufreizend bekleideten jungen Frauen in den Glaskästen. Sie sind ein taiwanesisches Phänomen, man findet sie nirgendwo sonst auf der Welt. Es gibt sie seit den frühen 90er-Jahren. Damals verlagerten viele taiwanesische Firmen ihre Produktion aus Kostengründen nach China. Unzählige junge, ungelernte Arbeiterinnen begannen, Betelnüsse am Straßenrand zu verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ihre Kunden sind Fernfahrer und Taxifahrer, die die anregende und zugleich entspannende Wirkung der Nuss schätzen – vor allem aus der Hand von freizügig gekleideten jungen Frauen. In Taiwan ist die Betelnuss nach Reis das wichtigste landwirtschaftliche Produkt.

    Vor ein paar Jahren versuchte ein Lokalpolitiker, die knappe Bekleidung der Betelnut-Beauties aus moralischen Gründen zu verbieten. Er bekam Unterstützung vom Innenminister. Der sagte, die jungen Frauen verursachten Unfälle, weil sie die Autofahrer ablenkten. Doch die beiden waren nicht besonders erfolgreich. Die Taipeh Times schrieb, die Betelnussverkäuferinnen trügen zum Lokalkolorit des Landes bei und ein junger Regisseur drehte einen Film über sie.

    Das Schneewittchen holte für uns zwei Päckchen Betelnüsse aus dem Gefrierfach und musste lachen, als wir den roten Saft auf den Boden spuckten. Als sie uns Papiertaschentücher zum Abwischen gab, sahen wir, dass der rosa Nagellack auf ihren Nägeln abblätterte.

  2. Vielen Dank fuer den Beitrag, Tonari. Die Spuckprozedur ist wirklich unangenehm, vor allem, wenn das Glas mit den Ueberresten vorne im Taxi steht.


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