Verfasst von: huangdi | 22. August 2008

Arbeitsmoral

In einem Gespräch mit einer taiwanesischen Bekannten kamen wir beide gestern auf das Thema Arbeitszeiten in Taiwan zu sprechen. Sie steht kurz vor dem Abschluss an ihrer Uni, aber ihr gruselt es schon vor dem Arbeiten, da dann keine Zeit mehr für das eigentliche Leben wäre. Als sie mich nach meiner Wochenarbeitszeit in meiner (taiwanesischen) Firma fragte und ich von etwa 45 Stunden berichtete, erwiderte sie, dass ihre Mutter nahezu täglich bis nach 22 Uhr arbeiten würde. Ich könnte mich da schon glücklich schätzen.

In Taiwan wird gerne lange gearbeitet. Es gilt, wie in Japan, als vorbildlich, über die offizielle Arbeitszeit hinaus zu arbeiten, um dem Vorgesetzten zu signalisieren, dass man alles für die Firma gibt. Zumindest in meinen beiden bisherigen Arbeitsstationen war es jedoch nicht so, dass man das Büro nicht vor dem Chef verlassen sollte. Viele meiner Bekannten und Arbeitskollegen machen sich aber auch an freien Tagen auf ins Büro (am Wochenende oder im Urlaub), an taifunfreien Tagen werden sie sogar richtig unruhig, wann denn endlich der Sturm verschwinden würde, um zum Arbeitsplatz zu gehen.

Die Gründe dafür habe ich bisher noch nicht vollständig erfasst. Neben der Zurschaustellung von Loyalität zur Firma, dem Hoffen auf Beförderung und dem großen Arbeitsvolumen hat sich in vielen Gesprächen aber schlichtweg folgender Grund als ausschlaggebend erwiesen: Der Mangel an Freizeitalternativen. Viele Taiwanesen langweilen sich ganz einfach zu Hause, viele Männern gehen im Büro auch ihrer Familie aus dem Weg, viele Frauen ihren Ehemännern. Am Arbeitsplatz trifft man seine Kollegen und damit auch den Großteil seiner Freunde.

Das Arbeitstempo im Büro selbst ist eher entspannter als in Deutschland. Es wird sehr (SEHR!) viel über jede einzelne Maßnahme geredet, viele Projekte werden gleichzeitig, aber gemächlich angegangen, jeder Arbeitsschritt wird vom Vorgesetzten ausführlich erläutert und kommentiert. Dadurch entsteht auch eine gewisse Unselbständigkeit einiger Mitarbeiter, die für jede Handlung dann erst wieder mit dem Chef…-richtig- reden müssen, um sich abzusichern.

Meiner Meinung nach liegt die Effizienz des Tagesgeschäfts damit, trotz der deutlich längeren Arbeitszeiten, pro Tag nicht höher als an vielen deutschen Arbeitsplätzen. Der Lebensmittelpunkt der meisten Taiwanesen liegt damit aber am Arbeitsplatz. Und genau davor hat meine Bekannte etwas Angst.

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Responses

  1. Die gleiche Erklärung habe ich bereits einmal über die japanischen Arbeitnehmer gehört. Ein zietliches Aufopfern mit dem gleichen Erfolg oder weniger erfolg wie wir Europäer….dabei fehlt uns Deutschen doch noch die Gelassenheit der Südeuropäer. Siesta halten, die Mittagsstunden genießen, ich habe das in Luxemburg genossen. 3 stunden Mittagspause in der sonne auf dem Platzt mitten in der Stadt, aber gearbeitet bis 8 Uhr abends…..Wunderbar….so ohne Familie.
    Ich wünsche dir das du einer europäischen Art in Taiwan treu bleibst und dem einen oder anderen Taiwanesen unsere Arbeitshaltung schmackhaft machst. 😆
    LG Bonafilia

  2. Bisher bin ich standhaft geblieben 😉

    Die Kollegen akzeptieren meine geregelten Arbeitszeiten, so lange ich alle Aufgaben innerhalb der Zeit erledige. Natürlich hat man da als Ausländer im Management eine bessere Ausgangslage als ein taiwanesischer Arbeitnehmer. Selbst wenn die Arbeitsmentalität insgeheim vielleicht gar nicht der taiwanesischen entspricht, wird man gerade als Neuer sicher einem gehörigen Gruppenzwang ausgesetzt sein.

  3. Ein weiterer, mit deutlich mehr Fakten unterfuetterter Beitrag zum Thema Arbeiten in Taiwan findet sich bei Klaus unter:

    http://taipeh.wordpress.com/2008/05/12/maloche-in-fernost/

    Interessant sind auch die dortigen Diskussionsbeitraege, die auch in Richtung Bildungssystem zielen. Dazu werde ich sicher auch mal einen Beitrag verfassen, da Bildung in Taiwan und Asien ein ziemlich interessantes Thema ist.

  4. […] ist manchmal hart zu seinen Arbeitnehmern. Dies gilt nicht nur für die langen Arbeitszeiten und einstelligen Urlaubstage pro Jahr, sondern auch für den Krankheitsfall. So wird bei kleineren […]


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